{"id":1266,"date":"2016-03-09T08:50:22","date_gmt":"2016-03-09T08:50:22","guid":{"rendered":"https:\/\/veesbook.net\/wordpress\/?page_id=1266"},"modified":"2025-12-18T12:11:00","modified_gmt":"2025-12-18T11:11:00","slug":"es-dunkelt-schon-in-der-heide","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/veesbook.net\/wordpress\/geschichten\/erinnerungen-ii\/es-dunkelt-schon-in-der-heide\/","title":{"rendered":"Es dunkelt schon in der Heide \u2026"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es dunkelt schon in der Heide \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Erinnerungen an die fr\u00fche Kindheit besitzen wir alle. Manches hat man vergessen, aber bestimmte Ereignisse sind haften geblieben und tauchen bei Gelegenheit wieder aus der Tiefe auf. Wenn ich mit meinem Mann heute eine Feldrundfahrt mach und wir an unserer fr\u00fcheren Melkweide vorbeikommen, denke ich an meinen Gro\u00dfvater und unsere gemeinsame Fahrten nach \u201eAchter Wischen\u201c.<br \/>\nEs muss zu Beginn der f\u00fcnfziger Jahre gewesen sein, ich war f\u00fcnf oder sechs Jahre alt. Damals standen auf den gr\u00f6\u00dferen H\u00f6fen nicht mehr als 10 oder 12 K\u00fche im Stall. Im Fr\u00fchjahr und Herbst trieb man sie morgens auf die Weide und holte sie abends zum Melken wieder nach Hause. Im Sommer blieben die Tiere dann ganz drau\u00dfen und man fuhr zum Melken hin. Nach dem Kaffeetrinken \u2013 so gegen 16.00 Uhr \u2013 spannte mein Opa die beiden Pferde vor dem \u201eKletschwagen\u201c (die richtige Bezeichnung ist wohl Kaleschwagen). Vorne der Kutschbock und dahinter eine kleine Ladefl\u00e4che, worauf die Kannen und Eimer, das Melksieb samt sauberem Tuch und ein kleiner Sack mit Kuhschrot gepackt wurden. Wir stiegen auf und dann ging es los: zuerst die Br\u00fcckenstra\u00dfe entlang, damals noch eine kleine gepflasterter Fahrbahn mit einem breiten Sandweg daneben. Autos fuhren kaum &#8211; aber viele Gespanne: Landwirte, die von der Feldarbeit nach Hause kamen. Manchmal hielt Opa kurz an, um mit einem Bekannten, der uns entgegenkam, kur zu kl\u00f6nen, fr\u00fcher hatte man n\u00e4mlich daf\u00fcr Zeit. Es ging eigentlich immer um die gleichen Themen: das Wetter; wie steht das Getreide; wie wird wohl die Ernte werden. Hinter der wei\u00dfen Br\u00fccke bogen wir rechts ab, in einen ziemlich huckeligen Sandweg. Jeden Abend kam dann das gleiche Ritual, auf das ich immer schon wartete. Opa hielt an und gab mit die Z\u00fcgel, holte ein Zigarre aus seiner Jackentasche, steckte sie an und meinte: \u201eNu kannst du beten linken\u201c. F\u00fcr so ein kleines M\u00e4dchen nat\u00fcrlich ein Ereignis, so eine Aufgabe zu \u00fcbernehmen \u2013 und das man das \u00fcberhaupt durfte; man kam sich sehr wichtig vor. Opa paffte, ich hatte die Z\u00fcgel in der Hand und sp\u00e4testens nach 50 Metern begann er zu singen. Mein Gro\u00dfvater liebte Musik, spielte Geige und besa\u00df eine sehr sch\u00f6ne Stimme. Jeden Abend das gleiche Lied: \u201eEs dunkelt schon in der Heide, nach Hause lass uns gehen, wir haben das Korn geschnitten mit unserem blanken Schwert.\u201c Zwischendurch paffte er an seiner Zigarre und hatte alle Verse durch, wenn wir an der Weide ankamen. Ich kletterte vom Bock, \u00f6ffnete das Weidetor und schloss es wieder, wenn er in Richtung Schuppen durchgefahren war. Dort lud er ab, w\u00e4hrend ich Wasser pumpte. Zwei gro\u00dfe Zementbottiche mussten voll, ziemlich schwere Arbeit f\u00fcr mich \u2013 aber es machte Spa\u00df. Die K\u00fche kamen angetrottet, um erst einmal zu saufen. Die Tiere benutzten immer den gleichen Weg, auf der Weide konnte man einen richtigen getrampelten Pfad erkennen. Inzwischen waren auch meine Mutter und unser junges M\u00e4dchen, damals hie\u00df es noch Magd mit dem Fahrrad angekommen. Opa hatte die Kannen, Eimer und das Melksieb abgeladen. Meine Aufgabe war es dann die K\u00fche zum Schuppen zu treiben und Opa band sie fest. War kein Problem, denn in den Trog hatte er Kuhschrot gesch\u00fcttet, also standen die Tiere ruhig da. Mama hatte inzwischen das saubere Tuch mit W\u00e4scheklammern am Sieb befestigt, auf eine Kanne gesetzt. Die Frauen begannen zu melken; mit der Hand nat\u00fcrlich. Melkmaschinen kamen erst Jahre sp\u00e4ter. Das Wasser in den Bottichen war fast ausgesoffen \u2013 aber jetzt war Opa dran mit Pumpen. F\u00fcr mich gab es nichts mehr zu tun; aber langweilig wurde mir nie. Es gab soviel zu sehen. \u00dcberall im Schuppen hatten Schwalben ihre Nester gebaut; manchmal so niedrig, dass ich hineinschauen konnte, wenn ich mich auf einem Melkschemel stellte.<br \/>\nIch erinner mich, dass ich einmal in einem Nest nur einen ganz dicken, kleinen Vogel sah und Opa mir erkl\u00e4rte, dass ein Kuckuck sein Ei in das Schwalbennest gelegt h\u00e4tte. Weil dieser Vogel so gefr\u00e4\u00dfig sei, h\u00e4tten die Schwalbenjungen nie genug Futter bekommen und w\u00e4ren deshalb verendet. Ich fand das nicht gut; aber es hie\u00df dann nur: \u201eSo ist das nun einmal in der Natur\u201c. \u2013 Und dann Pilze suchen. Auf der Weide gab es nach einem warmen Sommerregen immer Chapignons. Opa erkl\u00e4rte mir genau, wie sie aussehen und passte auf, dass keine Boviste in meinem Eimer landeten. An solchen Tagen briet Oma dann abends zu den Bratkartoffeln auch die frischen Pilze.<br \/>\nWenn das Melken beendet war, band Opa die K\u00fche wieder los und stellte wieder alles auf den Wagen. Die Frauen waren schon wieder auf dem Weg nach Hause, wenn wir losfuhren. Aber zur\u00fcck durfte ich nicht lenken; Opa meinte dann immer: \u201eDe Wogen is nu to schwor\u201c. Zigarre paffen war jetzt f\u00fcr ihn auch nicht drin; aber singen konnte er trotzdem.<\/p>\n<p>Liselotte Semmelroggen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/veesbook.net\/wordpress\/geschichten\/erinnerungen-ii\/\">zur\u00fcck zu &#8222;Berichte&#8220;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es dunkelt schon in der Heide \u2026 Erinnerungen an die fr\u00fche Kindheit besitzen wir alle. Manches hat man vergessen, aber bestimmte Ereignisse sind haften geblieben und tauchen bei Gelegenheit wieder aus der Tiefe auf. 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