{"id":2430,"date":"2016-10-22T19:49:31","date_gmt":"2016-10-22T19:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/veesbook.net\/wordpress\/?page_id=2430"},"modified":"2016-10-22T20:05:49","modified_gmt":"2016-10-22T20:05:49","slug":"1946-lehrzeit-in-bierde","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/veesbook.net\/wordpress\/1946-lehrzeit-in-bierde\/","title":{"rendered":"1946 &#8211; Lehrzeit in Bierde"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">von Marianne Frick, geb. Behrens<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">(Anmerkung: Bierde liegt in der Allerniederung zwischen B\u00f6hme und Ahlden\/Hodenhagen)<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Am 9. Februar habe ich Geburtstag. Ich war 15 Jahre alt geworden und wollte die l\u00e4ndliche Hauswirtschaft erlernen. Unsere Mutter und Tante Anna hatten vereinbart, 4 Wochen auf Tante Annas Lehrhof zu helfen. Vor allen Dingen sollte ich lernen, Flachs zu spinnen, das Weben von Leinen auf dem gro\u00dfen Webstuhl und das H\u00fchnerschlachten, Rupfen und Ausnehmen der Innereien.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Annemarie L\u00fcdemann aus Lauenbr\u00fcck war zu dieser Zeit als alleiniger Lehrling bei Tante Anna t\u00e4tig. Annemarie half beim Kartoffel sortieren. Anschlie\u00dfend brachte Onkel Fritz die Waage auf die Diele. Alle Bewohner des Hauses wurden gewogen. Onkel Fritz hatte das geringste Gewicht. Es waren nur 116 Pfd. Die Abende waren immer gem\u00fctlich. Onkel Willy und Onkel Fritz sa\u00dfen im Sofa. Sie stopften ihre Str\u00fcmpfe und wussten mancherlei von fr\u00fcher zu erz\u00e4hlen. Ich f\u00fchlte mich richtig geborgen. Die T\u00fcren und Fenster waren fest verrammelt, weil noch \u00dcberf\u00e4lle von Polen und Russen zu bef\u00fcrchten waren. An einem Freitag brachte Annemarie, nachdem sie alle Schlafzimmer ges\u00e4ubert hatte, die Schuhe wieder in das Schuhbord auf die Diele. Am anderen Morgen die bittere \u00dcberraschung: die Polen waren eingebrochen und hatten auch die Schuhe mitgenommen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Eines Tages kam Marianne Bunke aus Bierde f\u00fcr ein paar Tage zu Besuch. Sie war der erste Lehrling bei Tante Anna gewesen. Lehrerin einer Landfrauenschule war ihr Berufswunsch gewesen. Kurz vor der letzten Pr\u00fcfung war der Krieg zu Ende. Da die Entnazifizierung noch nicht erfolgt war, entschloss sie sich, Diakonisse zu werden und nach Bethel zu gehen. Anfang Mai wollte sie ihr Elternhaus verlassen. Ihr Vater war lange Jahre in den Rotenburger Anstalten als Lehrer t\u00e4tig gewesen. Er hatte die Diakonischen Br\u00fcder unterrichtet. Nachdem 1943 die Organisation Todt die Anstalten und den Kalandshof \u00fcbernahm, konnte er geldlich nicht anders mit der Anstalt auseinander kommen, als sich in den vorzeitigen Ruhestand versetzen zu lassen. Er war auf Lebenszeit angestellt gewesen und war erst Anfang 50. Sein Hof &#8211; 120 Morgen &#8211; war noch verpachtet. Das Bauernhaus, 200 Jahre alt, war jetzt f\u00fcr 2 Familien sehr beengt. Nach dem Krieg wohnte Familie Bunke alleine in dem Hause. Er betrieb die Imkerei, hatte Schweine, ein paar Schafe und H\u00fchner und eine Kuh. Marianne Bunke fragte mich, ob ich die Stelle als Haustochter einnehmen wolle. Ich war voll begeistert. Es wurden alle Absprachen mit Marianne Bunke getroffen, um Anfang Mai 1946 in Bierde anzufangen. Meine Freundinnen konnten es gar nicht verstehen, so weit weg, und dann das alte Haus. Kein bischen komfortabel, kein flie\u00dfend Wasser, Zementfu\u00dfboden in der K\u00fcche, eine alte Schwengelpumpe, darunter ein gemauerter Ausguss. Ihnen blieb die Spucke weg, wie sie zu sagen pflegten. Ich lie\u00df mich nicht beirren, obwohl ich die \u00fcbrige Familie Bunke nur vom Erz\u00e4hlen kannte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">An einem Maitag brachten meine Eltern mich dorthin. Wir fuhren recht fr\u00fch los in Richtung Brockel. Der Nebel war gerade aufgestiegen. Im Lohmoor konnten wir eine Birkhahnbalz beobachten. Ich habe bis heute so etwas noch nicht wieder gesehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Der Empfang in Bierde war herzlich. Aber schon nach einigen Tagen stellte sich bei mir eine Krankheit ein. Frau Bunke glaubte, ich h\u00e4tte Heimweh. Aber dann musste doch ein Arzt aus Rethem kommen, der eine Diphtherie bei mir feststellte. Von meinem Bett aus konnte ich den Kastanienbaum im Garten beobachten. Am 10. Mai stand er in voller Bl\u00fcte. Es war ein riesiger Baum, mir wurde so richtig bewusst, wie sch\u00f6n ein Kastanienbaum sein kann. Meine Krankheit wurde Gott sei Dank nicht so schlimm, da ich im Herbst eine Schutzimpfung erhalten hatte. Ende Mai sollte die Hochzeit von Erika Bunke mit Wolfgang M\u00fcller aus Braunschweig stattfinden. Die Vorbereitungen zu dem Fest mussten getroffen werden, das Haus desinfiziert, ich aber noch nicht genesen. Darum musste ich f\u00fcr ein paar Wochen wieder nach Hause. Anfang Juni brachten meine Eltern mich wieder zur\u00fcck. Es begann f\u00fcr mich eine wundersch\u00f6ne Zeit. Ich erlernte den Haushalt. Ilse, die \u00e4lteste Tochter, war Lehrerin der Hauswirtschaft. Frau Bunke hatte die h\u00f6here T\u00f6chterschule in Helmstedt besucht. Sie kam aus einer Kaufmannsfamilie in Winsen\/Aller. Die Mahlzeiten wurden mit Sorgfalt und Liebe bereitet. Auf gute Tischmanieren wurde sehr viel Wert gelegt. Im Sommer a\u00dfen wir meistens drau\u00dfen unter dem Haselnu\u00dfbaum. Am Nachmittag hatte ich eine Stunde Klavierunterricht. Beim Nachmittagskaffee fanden wir uns wieder unter dem Haselnu\u00dfbaum ein. H\u00e4ufig waren dann schon G\u00e4ste da. Einmal in der Woche fanden Leseabende statt. Herr und Frau von Randow, Studienrat Engelhart mit Frau und Fr\u00e4ulein Rutta waren st\u00e4ndig anwesend. Herr von Randow studierte in Hamburg Rechtswissenschaft. Seine Frau war eine interessante Person, sie war gerade von einer TBC-Krankheit genesen, ihre beiden Kinder, Ingrid und Ulrich Fritz, inzwischen 3 und 1 Jahr alt, waren von Ilse Bunke w\u00e4hrend ihres Sanatoriumaufenthaltes an der Nordsee versorgt worden. Sie war eine geborene von Hube. Ihr Vater, als Flugzeugf\u00fchrer mit den h\u00f6chsten Tapferkeitsauszeichnungen versehen, war 1944 abgest\u00fcrzt. Der Bruder Ulrich als 19-j\u00e4hriger Leutnant gefallen, die Mutter inzwischen verstorben, litt Frau v. Randow doch noch sehr unter dem Verlust ihrer pommerschen Heimat. Sie f\u00fchrte sehr anregende Gespr\u00e4che mit Herrn Bunke, hatte aber gro\u00dfe Schwierigkeiten, mit ihrem Haushalt und den Kindern fertig zu werden. Die wohl eigenwilligste Frau war Frl. Rutta, sehr lebendig, aus der Kirche ausgetreten. Als eine Anh\u00e4ngerin der NSDAP hatte sie die Aufgabe gehabt, w\u00e4hrend des Krieges die gesamte Bekleidung der BDM-M\u00e4dchen in Schweden zu verwalten. Sie war sehr belesen, da es aber kaum noch B\u00fccher gab, fing sie an, die Bibel zu lesen. Sie war so fasziniert, dass sie nicht wieder davon loskam. Herr Bunke, ein gl\u00e4ubiger Christ- seine Schwester ist mit einem Missionar in Johannesburg verheiratet- fand auf ihre vielf\u00e4ltigen Fragen immer eine Antwort. Ihre Schwester, das kleine Frl. Rutta, stand in ihrem Schatten. Sie f\u00fchrte f\u00fcr das gro\u00dfe Frl. Rutta den Haushalt. Ich musste jede Woche an einem Nachmittag nach B\u00f6hme zur Berufsschule. Herr Weite, ein \u00e4ltere Lehrer mit wei\u00dfen Haaren, war ebenfalls als Fl\u00fcchtling in den Westen gekommen. Ich genoss eine bevorzugte Stellung dort in dem Unterricht. Weites kamen h\u00e4ufig zu Besuch. Ilse hat f\u00fcr Herrn und Frau Weite \u00f6fter mal einen Kuchen gebacken. Frau Weite brachte als Zutaten Mehl und Zucker, die sie auf Lebensmittelmarken gekauft hatte. Ilse spendete noch ein paar Eier, Fett war knapp. Ilse wusste immer Rat, sie tat etwas mehr Backpulver in den Teig, so dass er sch\u00f6n locker wurde. Im Sommer habe ich die Kuh auf der Weide gemolken. In Bierde gab es Marschweiden, an der Aller gelegen. Sie waren von W\u00e4llen umgeben, die mit Busch bewachsen waren. Direkt quer durch die Weide f\u00fchrte eine Hochspannungsleitung, die immer sehr laut summte. Im Sommer bekam ich meinen ersten Urlaub. Frau Bunke begleitete mich. Tags zuvor waren wir durch die Wiesen nach Eilte gegangen. Wir besprachen mit dem Fuhrmann die \u00dcberfahrt. Er musste schon rechtzeitig uns von der gegen\u00fcberliegenden Seite abholen. Eilte liegt direkt an der Aller. In aller Fr\u00fche brachte er die ersten Leute, die zum Melken auf die andere Seite mussten, hin\u00fcber. Auf der R\u00fcckfahrt nahm er uns mit. Frau Bunke machte mich auf ein junges M\u00e4dchen aufmerksam; sie hatte blonde Haare, die ordentlich gepflegt und gek\u00e4mmt waren. Wir fuhren mit dem Zug von Eilte nach Verden. Hier gab es eine lange Wartezeit, bis wir endlich nach Rotenburg weiterfahren konnten. Frau Bunke wollte alte Freunde, Br\u00fcder der Rotenburger Anstalten und deren Familien in Rotenburg besuchen. Sie begleitete mich noch zum Zug in Richtung Schee\u00dfel. Nun hie\u00df es &#8218;Abschied nehmen&#8216;. Ich musste Frau Bunke auf jede Wange ein K\u00fcsschen geben. F\u00fcr mich sehr aufregend, da wir uns zu Hause nur mit Handschlag verabschiedeten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">In Westervesede fand in Hanschens Saal eine gro\u00dfe Veranstaltung statt. Nat\u00fcrlich fanden wir uns schon am Nachmittag ein. Ich war doch sehr \u00fcberrascht, Annegret sa\u00df schon mit ihrem Freund Klaus Ehrhorn am Tisch. Ich war in Bierde \u00fcberhaupt nicht ausgegangen, Annegret dagegen jedes Wochenende zum Tanzen gewesen. Sie hatte schon eine Tanzschule besucht und erz\u00e4hlte mir, dass sie mit dem Tanzlehrer vorgetanzt h\u00e4tte. War ich doch r\u00fcckst\u00e4ndig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Die Urlaubszeit verlief im Fluge, ich freute mich, wieder nach Bierde fahren zu d\u00fcrfen. Im Gep\u00e4ck waren Mehl und Kartoffelmehl, alles selbst hergestellt, dazu buntbedrucktes Leinen. Ilse wollte mir ein paar Dirndlkleider n\u00e4hen. Es wurde Herbst. Ich half Fritz Kr\u00fcger, der auch so alt war wie ich, bei dem Holz ran karren. Ilse hatte von einem Bekannten aus dem Rheinland einige Zentner Brikett bekommen. Er war bei der Polizei. Den Hund, unsere Asta, hatte er angelernt. Der ganze Hofraum war mit einem Stakettzaun umgeben. Wenn der Hund auf dem Hof herumlief, wagte sich niemand zu uns. Nur hinten durch den Garten konnte man ungehindert an das Haus kommen. Mitte November kam der Winter mit gro\u00dfer Heftigkeit. Wir hatten mehr als 18 Grad minus. Die K\u00e4lte dauerte bis Mitte Dezember. Ich wollte zu Weihnachten nach Hause fahren. Die Kuh hatte bei der K\u00e4lte so wenig Milch, alles fror auf der Diele ein. Wir machten auf dem Herd das Wasser hei\u00df, um die Steckr\u00fcben, das Futter f\u00fcr die Kuh, aufzutauen. F\u00fcr die Bewohner an der<span style=\"color: #000000;\"> Aller war es selbstverst\u00e4ndlich, dass sie \u00fcber den zugefrorenen Fluss gingen. Nun waren aber 3 N\u00e4chte keine 15 Grad unter Null. Es war Treibeis und somit Eisschollen. Nat\u00fcrlich hatte ich Angst, die Aller zu \u00fcberqueren. So fuhr ich einen Tag vor Heiligab<\/span>end morgens mit dem Zug von B\u00f6hme nach Walsrode, Fritz Kr\u00fcger brachte mich zur 3km entfernten Bahn. Auf den Handwagen kam mein Koffer und Handgep\u00e4ck. Meine Weihnachtsgeschenke waren auch im Gep\u00e4ck: eine Sammeltasse, ein Buch, eine silberne Brosche in Filigranarbeit und noch einige Kleinigkeiten. In Walsrode wieder lange Wartezeit, bis ich Anschluss nach Visselh\u00f6vede hatte. Von Visselh\u00f6vede fuhr der Zug einige Kilometer, pl\u00f6tzlich standen wir auf freier Strecke. Die Lokomotive war kaputt. Es musste erst eine andere herbeigeschafft werden. Einige Fahrg\u00e4ste stiegen aus und gingen zu Fu\u00df zum n\u00e4chsten Ort. Ich musste bleiben. Im Zug war es kalt. Es wurde immer sp\u00e4ter, Stunden waren vergangen. Es wurde dunkel. Kam ich \u00fcberhaupt noch bis zur Sperrstunde nach Rotenburg? Niemand wusste wo ich war, bis endlich abends nach 10 Uhr eine Lokomotive da war. Um 11 Uhr fuhren wir in Rotenburg ein. 3 Fahrg\u00e4ste stiegen aus. Sie waren auch gleich in der Dunkelheit verschwunden. Es war Stromsperre, kein Stra\u00dfenlicht. In keinem Haus brannte Licht. Ich hastete die Bahnhofstra\u00dfe entlang. Im Hause von Deylen neben dem Amtsgericht sah ich oben im Hause eine Kerze brennen. Ich lief weiter im Dunkeln die Gro\u00dfe Stra\u00dfe entlang. Im Rotenburger Hof sah ich einen Lichtschimmer durchs Fenster. Auf der Theke stand eine Kerze. Der Ober und der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer waren zu sehen. Ich klopfte an das Fenster. Es waren Doppelfenster und niemand h\u00f6rte etwas. Ich trommelte an das Fenster. Nun wurden sie aufmerksam und \u00f6ffneten die T\u00fcr. Vor Freude konnte ich kein Wort herausbringen. Nachdem ich mich beruhigt hatte, haben sie in Westervesede angerufen, es war schon nach 12.30 Uhr geworden. Ich durfte im Hotel \u00fcbernachten und bekam ein sch\u00f6nes Zimmer mit wei\u00df bezogenem Bett. Ich habe geschlafen bis zum anderen Morgen 10 Uhr. Es war Heiligabend. Vater wartete schon im Gastzimmer als ich aufstand. Er hatte sicher alles mit Lebensmitteln und Eier, wie es damals \u00fcblich war, beglichen. Ich habe es nie erfahren. Vater war schon am Vortage in Verden auf dem Bahnhof gewesen. Ich sollte in der K\u00e4lte nicht so lange warten. Es wurde ja nirgends geheizt. Man hatte ihm nur erz\u00e4hlt, es w\u00e4re ein junges M\u00e4dchen ausgestiegen, die mit einem Herrn weggegangen sei. Auch fand er mich nicht in Rotenburg auf dem Bahnhof, da ich ja nicht von Verden mit dem Zug dort angekommen war. Telefonieren war auch sehr umst\u00e4ndlich. Bunkes hatten kein Telefon. Von Wulpern, den Nachbarn, ging es auch nicht so einfach, man musste ja stundenlang warten, bis eine Fernverbindung hergestellt war. Und nach der Polizeistunde wurden auch keine Ferngespr\u00e4che mehr verbunden. Meine Mutter hat sehr um mich gebangt. Nachdem nachts das Telefon zu Hause klingelte glaubte sie, man h\u00e4tte mich tot aufgefunden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Die Tage zu Hause habe ich richtig genossen. Heiligabend gab es kaum Geschenke, weil es einfach nichts zu kaufen gab. Christbaumschmuck und Kerzen waren rar. Wir jungen Leute waren unbeschwert und freuten uns, dass wir zum Tanzen gehen konnten. Kurz nach Neujahr musste ich zur\u00fcck nach Bierde. Der Frost setzte ein. Es schneite und fror. Der Schnee vor Bunkes Haust\u00fcr lag so hoch, dass ich nicht r\u00fcber schauen konnte. Nur ein schmaler Gang bis zur Stra\u00dfe war frei geschaufelt. In der warmen Stube war es aber gem\u00fctlich. Fast das ganze Leben fand jetzt nur in dem einen Zimmer statt. In der K\u00fcche fror die Pumpe ein. Die Kartoffel w\u00e4rmten wir am Schornstein auf. An manchen Tagen schmeckten sie s\u00fc\u00dflich, da sie schon zu viel K\u00e4lte abbekommen hatten. In dem Schlafzimmer, Ilse und ich waren jetzt in einem Zimmer untergebracht, gl\u00e4nzten die W\u00e4nde. Der Frost war sehr schnell durch die d\u00fcnnen Fachwerkw\u00e4nde gedrungen. Herr Bunke wusch sich noch immer bei offenem Fenster in seinem Schlafzimmer. Der Winter setzte immer wieder nach. Am 13. M\u00e4rz, mein Bruder hatte Geburtstag, schneite es noch den ganzen Tag. Dann aber, an den folgenden Tagen, setzte ganz, ganz allm\u00e4hlich Tauwetter ein. Es begann die gro\u00dfe Schneeschmelze. Man hatte noch die gro\u00dfen \u00dcberschwemmungen vom letzten Jahr in Erinnerung. Bei Helbergs hatte Adele mir gezeigt, dass in dem H\u00e4uslingshaus das Wasser 80 cm hoch gestanden hatte. Es war noch an den W\u00e4nden zu sehen. Neue Tapeten konnten ja nicht gekauft werden, weil es keine gab. Im Dorf wurde damit begonnen, W\u00e4lle in den Stra\u00dfen und Wegen, die zur Aller lagen, aufzusch\u00fctten. Irgendwann w\u00fcrde der Deich wieder brechen, dort, wo die Leine in die Aller floss. Die Schneeschmelze im Harz brachte riesige Wassermassen. Der B\u00e4cker musste Brot im Voraus backen. Jeder deckte sich ein, soweit die Brotmarken reichten. Das Maisbrot war ein wenig klitschig und schmeckte etwas s\u00fc\u00dflich. Trotzdem waren wir froh, dass wir f\u00fcr mindestens eine Woche Vorrat hatten. Dann die Angst davor, tagelang wegen der Wassermassen nicht aus dem Haus zu kommen oder Wasser in den Viehst\u00e4llen zu haben. Das Vieh wurde vorsichtshalber in St\u00e4lle gebracht, die etwas h\u00f6her lagen. Aber Gott sei Dank brauchten wir dann nur einen Tag lang im Hause zu bleiben, der Schnee taute nur allm\u00e4hlich und die ganz gro\u00dfe \u00dcberschwemmung blieb aus. Ich wurde von Adele und ihrem Bruder Friedrich eingeladen, eine Mondscheinpartie mit dem Kahn auf den \u00fcberschwemmten Wiesen und Feldern zu machen. Der Kahn war am Schweinestall festgemacht. Wir \u00f6ffneten die Schweinestallt\u00fcr, die zur Wiesenseite lag, und konnten ungehindert in das Boot einsteigen. Friedrich steuerte das Boot mit einer langen Stange. Es war Vollmondnacht. An einigen Stellen ragten die oberen Pfahlenden und Stacheldraht aus dem Wasser. Angeschwemmtes Schilf hing an den Dr\u00e4hten. Adele fand es sehr romantisch. Ich hatte Angst, und die Romantik wurde f\u00fcr mich unwirklich. Mindestens einmal in der Woche waren wir abends zu Gast bei Helbergs. Onkel Julius war ein lieber, g\u00fctiger Mensch. Tante Dora, eine Scchwester von Herrn Bunke, hatte trotz ihrer vielen Arbeit immer Zeit, sch\u00f6ne Handarbeiten herzustellen. An einem Winterabend hatte Herr Bunke zu einem Herrenabend eingeladen. Die geladenen G\u00e4ste waren nur Pfeifenraucher oder solche, die es mal probieren wollten. Zuerst wurde die Pfeifensammlung bestaunt. Sie hingen an einem besonderen Bord. Jeder nahm sich eine Pfeife, nur Herr Bunke behielt die lange Pfeife f\u00fcr sich. Zuerst wurde ordentlich philosophiert, die Pfeifen dabei gestopft. Jeder brachte seinen eigenen Tabak mit. Die Pfeife von Herrn Bunke war so lang, dass sie bis zum Boden reichte, wenn er in seinem gro\u00dfen Ohrensessel sa\u00df. Sie war wundersch\u00f6n verziert, mit Schnitzereien und sch\u00f6nen Kordeln und Quasten. Wir Frauen falteten in der Zwischenzeit schon mehrere Fidibusse. Ich durfte zu Herrn Bunkes F\u00fc\u00dfen sitzen, um ihm beim Anz\u00fcnden behilflich zu sein. Er konnte ja nicht bis unten hinreichen, um die Pfeife anzuz\u00fcnden. Er musste kr\u00e4ftig dran ziehen, um den Pfeifenkanal zu erw\u00e4rmen. Immer wieder holte ich neues Feuer mit dem Fidibus aus dem Ofen. Die Qualit\u00e4t des Tabaks war auch nicht mehr so gut. Nachdem sie dann endlich brannte, reichte es bis tief in die Nacht hinein. Es wurde ein humorvoller Abend. Herr Bunke zitierte h\u00e4ufig Wilhelm Busch und sonstige vergn\u00fcgliche Literatur.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">In Bierde war eine kleine Kirche, die von der Kirchengemeinde Ahlden im Wechsel mit dem K\u00fcster betreut wurde. Herr Bunke hatte das Amt des K\u00fcsters schon l\u00e4ngere Zeit inne. Er hielt einen Lesegottesdienst, die Predigt wurde von der Landeskirche zugesandt. Herr Bunke hielt den Lesegottesdienst mit gro\u00dfer Leidenschaft. Er durfte die Kanzel nicht betreten, sondern stand an einem Pult. Johann-Heinrich spielte die Orgel. Tage vorher ging er abends mit Ilse zum \u00fcben. Ilse hatte eine wunderbare Stimme. Ich musste schon am Sonnabend alle Schuhe putzen. Wir hatten extra eine Schuhputzkammer, in der es immer so muffig roch. Die Schuhe f\u00fcr Herrn Bunke mussten besonders poliert werden. Am Sonntagmorgen wurde fr\u00fcher aufgestanden. Alle T\u00fcren durften nur leise ge\u00f6ffnet werden. Es wurde im Fl\u00fcsterton gesprochen. Das Fr\u00fchst\u00fcck fand nur kurz statt. Herr Bunke bereitete sich durch Lesen und Gebete auf die Predigt vor. Er ging schon fast eine halbe Stunde vorher alleine zur Kirche. Wir drei Frauen gingen gemeinsam und sa\u00dfen in der ersten Bankreihe. F\u00fcr Frau Bunke war dieser Tag immer etwas Besonderes. Das Mittagsmahl war schon am Tag vorher bereitet, es wurde nur noch erw\u00e4rmt. Die Abendmahlsger\u00e4te bewahrte Frau Bunke im Esszimmerschrank auf. Ich sollte den Schrank auswischen, war aber neugierig und nahm mir eine Oblate aus der Dose. Sie blieb mir am Gaumen kleben. Ich bekam ein schlechtes Gewissen; sollte das auch eine S\u00fcnde sein?<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Bunkes bekamen auch noch Einquartierung. Eine junge Fl\u00fcchtlingsfrau &#8211; Gerta Sch\u00f6ppel &#8211; mit ihrer kleinen Tochter. Wir r\u00e4umten eine Kammer aus. Die eisernen Bettgestelle waren so fest ineinander verhakt, dass wir am Abend auf Johann-Heinrichs Hilfe angewiesen waren. F\u00fcr ihn war es eine Kleinigkeit. Ilse bot ihm als Dank von uns beiden einen Kuss an. Ich wurde \u00fcber beide Ohren rot, da ich ja alles w\u00f6rtlich nahm. Aber ihm war eine Tafel Schokolade lieber, ich war gerettet, es w\u00e4re mir doch sehr peinlich gewesen, einem jungen Mann einen Kuss zu geben. Schokolade konnte man sowieso nicht kaufen und es blieb bei einem &#8218;Danke sch\u00f6n&#8216;. Die sch\u00f6ne Zeit in Bierde ging dem Ende entgegen. Ende Mai sollte Annegret meine Stelle antreten. Meine Eltern brachten sie mit dem Auto und ich fuhr wieder nach Hause. Am 13. Juni 1947 machte ich meine Hausarbeitspr\u00fcfung. Ich bestand alle F\u00e4cher mit guten Noten.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Zu meiner Verlobung schrieb Frau Bunke mir einen langen Brief &#8211; unter anderem:<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Bierde, 9.1.1951<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Du unsere liebe kleine Marianne!<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Als ich am Donnerstag von Walsrode nach Hause kam, zeigte mir unser Vater als gro\u00dfe \u00dcberraschung Deine Verlobungskarte. Wir haben uns beide sehr dar\u00fcber gefreut, und wir w\u00fcnschen Dir von Herzen, dass Du einen recht lieben Mann bekommen m\u00f6gest, und dass Du an seiner Seite eine recht gl\u00fcckliche Zukunft haben m\u00f6gest. Du hast jetzt eine so gute Ausbildung genossen, da wirst Du gewiss eine t\u00fcchtige Hausfrau werden. Was f\u00fcr ein kleines K\u00fcklein warst Du doch, als Du bei uns so mutig und vergn\u00fcgt Dein Lehrjahr begannst! Du warst immer so lieb und flei\u00dfig, dass ich Dich so lieb hatte, als w\u00e4rest Du mein eigenes Kind &#8211; und mein Mann auch.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-family: verdana,geneva,sans-serif; font-size: 10pt;\">Herr und Frau Bunke sind in den siebziger Jahren verstorben.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Marianne Frick, geb. Behrens (Anmerkung: Bierde liegt in der Allerniederung zwischen B\u00f6hme und Ahlden\/Hodenhagen) Am 9. Februar habe ich Geburtstag. 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